Terra X und die ersten Amerikaner

terrax1Die ersten Menschen, die nach Amerika kamen, sollen Afrikaner gewesen sein. Schon vor etwa 30.000 Jahren und damit 18.000 Jahre eher, als bisher angenommen, hätten sie sich im heutigen Brasilien niedergelassen. Das ist die Botschaft, die das ZDF am vergangenen Sonnabend (19.2.) in einem Beitrag der Reihe »Terra X« verbreitet hat.

Die Dokumentation mit dem reißerischen Titel »Sensationsfund in Brasilien« (in der ZDF-Mediathek) beschäftigt sich mit den neuesten Forschungen in der Serra da Capivara, einem Nationalpark im Osten Brasiliens. Er ist seit Langem für seine mehr als 50.000 Felszeichnungen bekannt. Bereits Mitte der 1980er Jahre sind dort von brasilianischen Archäologen, allen voran Niède Guidon, Funde gemacht worden, die ein sehr hohes Alter aufweisen und die bisherigen Annahmen über die Besiedlung Amerikas infrage stellten.

Es fing in Clovis/NM an

Zu dieser Zeit war die sogenannte Clovis-First-Theorie unbestritten: Die ersten Menschen kamen am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren als Großwildjäger von Alaska durch einen eisfreien Korridor auf das Gebiet der heutigen USA. Von dort breiteten sich die Einwanderer innerhalb von 1000 Jahren bis an die Spitze Südamerikas aus. Benannt ist die Clovis-Kultur nach dem ersten Fundort der für sie charakteristischen Speerspitzen nahe der Kleinstadt Clovis in Neumexiko.

Der Beitrag des seit Jahren bewährten Teams um Gisela Graichen und Peter Prestel krankt an seinem Denkansatz. Von Anfang an wird darauf herumgeritten, dass die Funde in der Serra de Capivara der Clovis-First-Theorie den Garaus machen. Aber ausgerechnet das kann man aus den Erkenntnissen der Forscher in Brasilien nicht ableiten.

Ohne Nachkommen verschwunden

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Die Serra de Capivara liegt im Osten Brasiliens.

Denn hier werden gewissermaßen Äpfel mit Birnen verglichen. Zwar belegen die Erkenntnisse aus Brasilien, dass Menschen lange vor Clovis in Amerika waren. Aber, was erst am Ende des Beitrags deutlich wird, die Bewohner der Serra de Capivara sind offenbar nach einem Zeitraum von womöglich mehreren tausend Jahren verschwunden, ohne Nachkommen unter den heutigen Ureinwohnern hinterlassen zu haben. Die Clovis-First-Theorie ist dagegen nicht nur eine Antwort auf die Frage, wer Amerika als erstes und wann erreichte, sondern vor allem versucht sie zu erklären, woher die heutigen Ureinwohner stammen und wie sie sich in Amerika ausbreiteten. Serra de Capivara und Clovis sind kein Gegensatz. Möglicherweise waren die Felsenbilder-Maler von Brasilien Nachkommen von Afrikanern, aber die American Natives von heute stammen von Asiaten ab. Dafür gibt es unzählige genetische Beweise.

Die Fixierung auf den Gegensatz Clovis/Serra da Capivara führt zudem dazu, dass die Autoren die wissenschaftliche Debatte der letzten 25 Jahre über die Besiedlung Amerikas fast komplett ignoriert. Denn Clovis First ist schon längst nicht mehr unumstritten. Es gibt zahlreiche Fundstätten in Nord- und Südamerika, die älter als Clovis sind. In dem Beitrag werden die Ausgrabungen von Tom Dillehay in Monte Verde in Chile zwar kurz erwähnt, aber in einer Art und Weise, die suggerieren, dass er in seiner Branche als Exot und einsamer Rufer in der Wüste gilt. Dabei war es gerade er, der Anfang der 1990 Jahre den ersten wichtigen Beitrag zum Ende der Clovis-First-Theorie lieferte.

Im Herbst 2013 trafen sich in Santa Fe in Neumexiko die führenden Wissenschaft auf diesem Gebiet zur »Paleoamerican Odyssee«, um sich über den aktuellen Stand der Forschung auszutauschen. Darüber habe ich in meinem Neumexiko-Blog ausführlich berichtet.

Mehrfach wird in dem Beitrag unterstellte, dass US-amerikanische Wissenschaftler stur auf der Clovis-First-Theorie beharren, weil sie ihre südamerikanischen Kollegen für inkompetent halten.

terrax2Unerreichbar auf dem Grund des Meeres

Die Forschung ist also schon ein ganzes Stück weiter, als der ZDF-Beitrag vormacht. Sie bietet allerdings, wie das meistens ist, keine so griffigen Erkenntnisse, die sich mit einer Schlagzeile wie »Sensationsfund in Brasilien« anpreisen lassen. Unter den »Beyond Clovis«-Theorie hat derzeit die Küstenroutentheorie die meisten Anhängern. Danach wanderten die ersten Amerikaner nicht durch den eisfreien Korridor ein, der sich viel zu spät öffnete, sondern kamen schon vor zirka 15.000 Jahren mit Booten aus Asien. Diese Theorie beseitigt eine ganze Reihe von Ungereimtheiten, die sich aus Clovis First ergeben. Sie hat aber auch einen großen Nachteil. Damals lag der Meeresspiegel um etwa 100 Meter tiefer als heute. Mögliche Siedlungsspuren der ersten Amerika sind untergegangen und liegen jetzt unerreichbar auf dem Meeresboden.

Insgesamt ist der zwar Beitrag gut gemacht und informativ. Er trägt sicher zum Verständnis für Wissenschaft im Allgemeinen und Archäologie im Besonderen bei. Aber offensichtlich aus dramaturgischen Gründen wird der unbedarfte Zuschauer auf eine falsche Fährte gelockt. Der behält am Ende wohl nur diese Botschaft: Die ersten Amerikaner lebten in Brasilien und nicht in den USA, und die nordamerikanischen Archäologen sind arrogante Ignoranten. Sie sollte aber lauten: Die Erforschung der Erstbesiedlung Amerikas gehört zum Spannendsten, was im Moment in der Archäologie diskutiert wird.


Links

Mit der Erstbesiedlung Amerikas befasst sich das Center for the Study of the First Americans der Texas A&M University.  Dessen Leiter, Michael Waters, kommt auch in dem Terra-X-Beitrag kurz zu Wort.

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SF-Filme in Berliner Museum

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Science-Fictions-Fans, die in nächster Zeit in Berlin sind, kann ich den Besuch der Ausstellung »Things To Come« in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen – empfehlen. Auf drei Etagen gibt es dort, thematisch sortiert, zahlreiche Ausschnitte, Requisiten, Storyboard-Auszüge, Modelle und mehr aus SF-Filmen und -Fernsehserien zu sehen.

Themen sind zum Beispiel der Aufbruch in den Weltraum, die Begegnung mit Aliens oder Leben in der Zukunft. Es wird gezeigt, wie diese Aspekte filmisch umgesetzt wurden und wie sich dabei die Bildsprache entwickelt hat. So gibt es beispielsweise Szenen aus zwei »Alien«-Filmen über das Erwachen der Besatzung aus dem Tiefschlaf: Während das im ersten Film noch in einer klinisch-weißen, ästhetisch ansprechenden Umgebung geschieht, sehen wir im anderen Fall eine kalte, technische Umgebung, die nichts Heimliges mehr an sich hat.

Besonderen Spaß macht es zu raten, aus welchem Film die gezeigten kurzen Ausschnitte stammen. Man muss schon ein Experte auf dem Gebiet sein, um alles herauszufinden. Weniger Kundigen helfen kleine Texttafeln neben den Monitoren.

Schade ist, dass eine Einordnung fehlt. Man erfährt nichts über die Entwicklung des SF-Films (Wer weiß schon, dass Georges Méliès Film »Le Voyage dans la Lune« – Die Reise zum Mond – von 1902 der erste international erfolgreiche Spielfilm überhaupt war?), nichts über seine gesellschaftliche Relevanz (Man denke an den ersten Fernseh-Kuss eines weißen Mannes und einer schwarzen Frau in »Star Trek«) oder seine politischen Instrumenarisierung (als Propaganda im Kalten Krieg in Ost und West). Die Ausstellung ist auf das Cineastische fokussiert und vernachlässigt diese Meta-Ebene.

Man könnte natürlich auch die Auswahl der Filme bemängeln, da wichtige Streifen wie »Metropolis« oder »Matrix« gar nicht oder nur am Rande vorkommen. Aber das kann viele Gründe haben und stört den positiven Gesamteindruck nicht.

Zur Ausstellung (bis 23. April 2017) gibt es einen Katalog. Er kostet im Museum 30 Euro, im Buchhandel 40 Euro. Das Museum im Sony-Center am Potsdamer Platz ist täglich außer montags geöffnet. »Things To Come« ist übrigens der Titel eines britischen Films von 1936.


Links

Deutsche Kinemathek – Things to come

Tod am Deich

leer_drehDemnächst wird in Leer wieder ein Krimi aus der ZDF-Reihe »Friesland« gedreht, berichtet die Ostfriesen-Zeitung 🔗. Jens Jensen (Florian Lukas) und Süher Özlügül (Sophie Dal) ermitteln dieses Mal wegen einer Leiche, die bei einem Feuerwerk am Deich entdeckt wird.

Das Opfer ist eine Vogelschützerin. Das zeigt, dass die Autoren ein Gespür für Themen haben. Konflikte zwischen Naturschützern und Naturnutzern gehören in Ostfriesland seit Langem zum Alltag; allerdings leben die Vogelschützer zum Glück alle noch, so unbeliebt sie sich zuweilen auch machen.

Ich bin gespannt. Die bisherigen Folgen der etwas klamaukigen ZDF-Reihe haben mir ganz gut gefallen, und ich erwarte wieder unterhaltsame 90-Fernsehminuten. Wie seht ihr das?

Aber das wäre kein Grund, darüber etwas zu schreiben.

Vielmehr geht’s hier um meinen Blog »in eigener Sache«. Die letzte, im Februar gezeigte Folge des Krimis hatte zu einem Aufrufrekord 🔗 meines Beitrags über »Die ostfriesischen Berge« 🔗 geführt. Bei der Ausstrahlung hatte wohl für Irritationen gesorgt, dass in der Geschichte, die in Leer spielt, Dünen vorkommen. Die gibt es nämlich in Leer und Umgebung nicht. Tatsächlich wurden die Szenen auf Norderney gedreht. Weil Norderney auch für die neue Folge mit dem Titel »Irrlicht« Drehort sein wird, könnten wieder Dünen zu sehen sein. Bin gepannt, ob sich das erneut in meinem Blog niederschlägt.

Ein Sendetermin steht übrigens noch nicht fest.

Das ZDF sorgt für einen Rekord

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Screenshot ZDF-Mediathek

Ich muss mich beim ZDF bedanken. Mein Blog »Gedankensprünge« hat gestern (27. Februar 2016) einen neuen Tages-Besucherrekord verzeichnet. Grund ist wohl der »Friesland«-Krimi, der ab 20.15 Uhr ausgestrahlt wurde. Aus den Zusammenhang weisen die Inhalte der Suchanfragen hin, denn es wurden mehrfach in verschiedenen Kombinationen die Begriffe »Leer« und »Dünen« gesucht.
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