Man spricht Plattdeutsch

plattLieber Ostfriesland-Besucher, wenn du das erste Mal hierher kommst und die Einheimischen nicht verstehst, wenn sie sich unterhalten, liegt es daran, dass sie Plattdeutsch reden (und nicht Holländisch, wie manch Ahnungsloser sich schon mal lautstark wundert). Die niederdeutsche Mundart ist hier noch verhältnismäßig weit verbreitet und vor allem auf den Dörfern die tägliche Umgangssprache. Aber keine Angst – die allermeisten Ostfriesen sprechen Hochdeutsch, viele sogar besser als Platt, so dass du überall gut zurechtkommen solltest.

Das Platt- oder Niederdeutsche gilt heute als Mundart, als Dialekt des Hochdeutschen, ist es aber streng genommen nicht. Tatsächlich kann es als eigenständige Sprache betrachtet werden und ist sprachhistorisch mehr mit dem Englischen verwandt als mit dem Hochdeutschen. Hervorgegangen ist das Plattdeutsche aus dem Mittelniederdeutschen, das im Mittelalter die Verkehrssprache der Hanse war und von den Kaufleuten zwischen London und Nowgorod gesprochen wurde. Im Unterschied zum Hochdeutschen hat das Niederdeutsche (wie das Englische) die so genannte zweite Lautverschiebung – die regelhafte Umwandlung bestimmter Konsonanten in andere wie t>s oder k>ch – nicht mitgemacht, erkennbar daran, dass es zum Beispiel im Plattdeutschen/Englischen Water/water statt Wasser heißt oder maken/make statt machen.

Seit der Reformation im 16. Jahrhundert ist das Niederdeutsche in Ostfriesland allerdings von vielen Seiten unter sprachlichen Druck geraten. Niederländisch wurde in den reformierten Gemeinden Kirchensprache, und die Preußen, die 1744 nach dem Tod des letzten Grafen nach Ostfriesland kamen und die Verwaltung übernahmen, sprachen und schrieben auch kein Plattdeutsch.  Außerdem galt Platt lange Zeit als minderwertig und wurde systematisch ausgegrenzt. Medien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen taten im 20. Jahrhundert ein Übriges, um dem Plattdeutschen viel von seiner sprachlichen Eigenständigkeit zu nehmen. Es hat sich grammatisch und von seinem Wortschatz stark ans Hochdeutsche angeglichen, und oft ist das, was du hörst, gar kein richtiges Plattdeutsch mehr, sondern Hochdeutsch mit plattdeutschen oder gar nur plattdeutsch klingenden Wörtern. Besonders groß ist der Verlust bei plattdeutschen Redewendungen und Wörtern von Dingen, die aus dem Gebrauch gekommen sind.

Es gibt viele Bemühungen, das Plattdeutsche zu erhalten. Zum Beispiel werden Kindergärten gefördert, die zweisprachig sind. In vielen Rathäusern  und Unternehmen wird darauf geachtet, dass Mitarbeiter Platt sprechen, und es gibt in Ostfriesland sogar eine offizielle Stelle zur Förderung und Erforschung der plattdeutschen Sprache – das Plattdüütsk-Büro der Ostfriesischen Landschaft (wobei ich allerdings glaube, dass es Plattdü(ü)tsch heißen muss; aber das ist eine andere Baustelle).

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Ein Kommentar zu „Man spricht Plattdeutsch

  1. Sehr schöner Überblick!
    Und nicht nur in Kindergärten wird Plattdeutsch gefördert, einige Grundschulen bieten auch plattdeutschen Immersionsunterricht an (z.B. die GS Holtermoor und einige in Aurich) und seit einiger Zeit sind Niederdeutsch und auch Saterfriesisch im Kerncurriculum für den Deutschunterricht an Grundschulen in Niedersachsen verankert.

    Jaaaa…ein paar Semester Niederdeutsch an der Uni haben mich doch etwas geprägt ;o)

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